Ein Kommentar der gewerkschaftlichen Hochschulgruppe zur nicht vorhandenen Debattemkultur im DGB
Am 3.11. postete der DGB Oberfranken auf seinem Instagramaccount zwei Bilder von einem Treffen mit Erzbischof Herwig Gössl mit folgender Bildunterschrift: „Austausch mit dem Erzbischof – Eine Tradition, die es bereits unter Ludwig Schick gab, wird unter dem neuen Erzbischof Herwig Gössl fortgeführt.
Die Katholische Betriebsseelsorge Bamberg lud ein. DGB-Gewerkschaften aus dem gesamten Gebiet des Erzbistums kamen, um dem neuen Erzbischof die Situation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nahe zu bringen. Ein gewinnbringender Austausch, der auch zukünftig fortgeführt werden soll.“
Wir halten es weiterhin für eine Frechheit, sich mit einem frauenfeindlichen Kirchenoberhaupt zum freundlichen Austausch zu treffen. Deshalb haben wir folgenden Kommentar am 5.11. unter dem Post abgesetzt:
„Gewerkschaftsvertreter*innen schütteln einem misogynen Abtreibungsgegner die Hand, der trotz Zurückrudern bei einer klassisch neurechten Kampagne mitgewirkt hat. Das finden wir erschreckend und enttäuschend: Gössl glaubt, dass er und sein Glauben über den Körper von Frauen entscheiden können. Er hat sich daran beteiligt, Prof. Dr. Frauke Brosius-Gersdorf aufgrund der ihr unterstellten Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen einen Platz als Richterin im BVerfG zu verwehren, das finden wir widerlich. Der dritte Weg des Arbeitsrechts ist unseres Erachtens als Parallelrecht ohnehin bereits etwas, gegen das die Gewerkschaftsbewegung kämpfen sollte. Einen Post zu platzieren, ohne irgendeine Kritik an Erzbischof Gössl und seinen menschenfeindlichen Aussagen oder dem kirchlichen Arbeitsrecht zu formulieren, ist der Gewerkschaftsbewegung nicht würdig. Denn das sozialpartnerschaftliche Prinzip wird hier offenbar auch auf die Kirche als Feind der Arbeitnehmer*innen zugespitzt.“ Dieser Kommentar wurde das erste Mal am Morgen des 6.11. vom DGB Oberfranken ausgeblendet, als wir ihn mittags nochmals posteten, war er bereits wenige Minuten später verschwunden. Da fragen wir uns schon, ob der DGB Oberfranken denn ein Problem damit hat, wenn eine Hochschulgruppe das Auftreten von Gewerkschaftsfunktionär*innen kritisiert?
Außerdem tritt das Ausblenden von Meinungen Ehrenamtlicher, die jahrelang Arbeit im DGB geleistet haben, dieses Engagement mit Füßen. Oder ist das eher die beschämte Reaktion Hauptamtlicher, die nach außen so tun wollen, als ob es im DGB eine monolithische Meinungsbildung und keine Debatte gäbe? Falls wer geglaubt haben sollte, es gäbe diese Debatte im DGB nicht: Hier ist sie. Es folgen also einige Argumente von uns, die auch teilweise schlicht unbeantwortete Fragen sind.
- Warum fand dieses Treffen statt?
Keine*r hat irgendeine*n der Hauptamtlichen gezwungen, bei diesem Treffen – geschweige denn Fotoshooting – dabei zu sein. Warum also waren alle anwesenden Gewerkschafter*innen da, ohne im Nachhinein Kritik an Gössl zu üben? Wurde denn überhaupt Kritik an Gössl geübt? Weil wenn sie den doch alle angeblich so doof finden, warum steht das dann nicht in dem Instapost des DGB Oberfranken? - Warum wird unsere Meinung unterdrückt?
Im DGB sollte Debattenkultur und damit Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt werden, das ist aber das, was hier passiert: Es wird argumentiert, wir würden die Außenwirkung des DGB beschädigen – das machen nicht wir, sondern die Hauptamtlichen, die Gössl normalisieren, und im Nachhinein unsere Kritik vorsätzlich unsichtbar machen. - Warum wurden diese Bilder gepostet?
Wenn Hauptamtliche unbedingt mit dem Erzbischof über „Arbeiter*innenpositionen“ reden wollen, dann sollen sie das in ihrer Freizeit gern machen. Wenn sie mit Kritik daran, dass sie das tun, nicht leben können, haben wir einen sehr einfachen Tipp: Postet das doch einfach nicht auf Social Media. - Was war das Ziel dieses Treffens?
Wer ernsthaft glaubt, einem frauenfeindlichen Erzbischof „Arbeiter*innenpositionen“ näherbringen zu können, der glaubt auch an Globuli oder die Brandmauer gegen Rechts.
Wir hätten diese Argumente auch gerne unter dem Beitrag des DGB Oberfranken diskutiert, das wurde uns aber leider wie gesagt verwehrt. Ein Gespräch mit dem Regionsgeschäftsführer führte ebenfalls nur dazu, dass unsere Kritik an dem Post und dem Treffen selbst personalisiert wurde, statt sich inhaltlich mit uns auseianderzusetzen. Es scheint das alte Problem im DGB zu sein: Wer es wagt, sich gegen Aussagen oder Handlungen höherer Ebenen zu beschweren, wird als Nestbeschmutzer abgetan. Oder um es mit Kurt Tucholsky zu sagen: „Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“
Gewerkschaftliche Arbeit ist weiterhin wichtig, auch wenn sie unter dem Namen des DGB passiert. Unsere Gruppe bleibt weiterhin offen und wir schreiben keine*m vor, ob die Person ihre Arbeit für den DGB einstellen soll oder nicht. Wir aber können und wollen nicht mehr unter dem Logo des DGB auftreten.

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